Die Evolution kann den Glauben nicht erklären, oder?

22. Mai 2009 | Von admin | Kategorie: Biologie, Fächer

Dieser Beitrag erscheint als Replik auf einen Tweet von @retemirabile – auf diesem Weg noch vielen Dank für den Denkanstoß.

Wolfgang Huber schrieb in seinem Zeit-Artikel “Wenn Atheisten zu Propheten werden” über das Spannungsverhältnis zwischen Religionen und Naturwissenschaften. Seines Erachtens sind beide Sichtweisen auf unterschiedliche Ebenen der Erkenntnis bezogen und können (und dürfen, sic!) daher grundsätzlich nicht gegeneinander gestellt werden, bzw. weder das eine mit dem anderen erklärt oder bewiesen noch bestritten oder geleugnet werden.

Meine Replik wendet sich gegen drei grundlegende Gesichtspunkte, die von Huber geäußert werden:

1) Gegen die von ihm postulierte Grundannahme, dass etwas außerhalb des Erfahrungswissens existiert.

Der grundlegende Fehler, der in dieser Entgegensetzung zum Ausdruck
kommt, liegt darin, dass der Schöpfungsgedanke mit den weltbildhaften
Vorstellungen gleichgesetzt wird, in denen die biblischen Texte ihn
präsentieren. Die Schöpfung wird nicht als Thema des Glaubens, sondern
des Wissens angesehen. Unter Wissen ist in solchen Fällen das
Erfahrungswissen zu verstehen, das wir mit den Mitteln von Beobachtung
und Experiment erwerben. Dieses Erfahrungswissen ist an die Bedingungen
von Raum und Zeit gebunden; der Glaube dagegen richtet sich auf die
Wirklichkeit Gottes, die Raum und Zeit umgreift und übersteigt.

Hierin manifestiert sich bereits ein erster christlicher Glaubensgrundsatz : es gibt etwas jenseits von Raum und Zeit. Einfach so. “… die Wirklichkeit Gottes, die Raum und Zeit umgreift und übersteigt.” Ohne Begründung. Eigentlich eine recht anmaßende Behauptung. Hätte mich gefreut, wenn darauf deutlicher hingewiesen würde.

2) Gegen einen kritischen Biologie- und Ethikunterricht

Insbesondere muss man es vermeiden, die biblischen
Schöpfungserzählungen zu konkurrierenden Welterklärungsmodellen zu
machen und das eine gegen das andere auszuspielen. Sowohl das Ergebnis:
»Darwin beweist, dass es Gott nicht gibt« als auch das Ergebnis: »Gott
beweist, dass Darwin Unrecht hat« wären eine unterrichtliche
Fehlleistung. Ebenso klar ist, dass der Biologieunterricht die Grenze
zur weltanschaulich-religiösen Bildung nicht überschreiten darf; er
darf nicht unter der Hand zum Religionsunterricht – auch nicht in einem
antireligiösen Sinn – werden.

Stattgegeben! In meinem Unterricht wird kein Fach und keine Weltanschauung gegen eine andere ausgespielt – fair enough. Doch sehe ich es als meine Aufgabe, auch im Biologieunterricht explizit auf die Inkorrektheit des Schlusses “Gott beweist, dass Darwin unrecht hat” auch hinzuweisen! Gerade hiervon geht doch, wie Huber anmerkt, die Gefahr des Kreationismus und des Intelligent Design aus.

Weiter geht die Forderung, das eine durch das andere zu ersetzen.
Soweit in deutschen Bundesländern, in denen der Ethikunterricht den
Religionsunterricht weithin verdrängt (wie derzeit in Berlin und in
etwas schwächerer Form auch in Brandenburg), dieser Ethikunterricht den
Darwinismus als die richtige und den christlichen Glauben als die
falsche Weltanschauung darstellt, geschieht genau dies.

Hoppla! Wird hier nicht eine unzulässige Argumentation aufgebaut? Zunächst die – korrekte – Information, dass in deutschen Bundesländern Ethik den Reliunterricht verdrängt und dann die – unzulässige und falsche – Information, dass in Ethik Darwins Lehren als korrekt und – wieder falsch – die christlichen Lehren nicht korrekt seien. Steckt da nicht ein wenig Angst vor einer schleichenden Säkularisierung der Schule dahinter? (Anm.: Ich frage mich auch, weshalb die Formulare zur Abmeldung aus dem Religionsunterricht seit diesem Schuljahr nicht mehr im Schulsekretariat vorgehalten werden dürfen sondern jeweils im Einzelfall bestellt werden müssen! Honi soit …)

3) Gegen den Vergleich von selbstbewußten Atheisten mit Priestern und Propheten

Es kann nicht verwundern, dass dem ideologischen Missbrauch des
christlichen Schöpfungsglaubens, wie er im Kreationismus und in der
Lehre vom »Intelligent Design« vorliegt, spiegelbildlich ein Missbrauch
entspricht, der meint, aus den Einsichten der modernen
Naturwissenschaften zwingend eine Leugnung Gottes und die Verpflichtung
auf einen kämpferischen Atheismus ableiten zu können. Beispielhaft ist
dafür der Evolutionsbiologe Richard Dawkins, der sich mit seinem Buch Der Gotteswahn an
die Spitze dieser Bewegung gesetzt hat. Im Vorwort erklärt der Autor
seine Absicht, mit diesem Buch zum Atheismus bekehren zu wollen; das
wissenschaftliche Material, das er entfaltet, steht also von vornherein
in einem weltanschaulichen Zusammenhang, der die Grenzen der
Wissenschaft überschreitet. Die kämpferischen Atheisten werden dadurch
zu dem, was sie verachten: zu Vertretern eines Glaubens, ja zu dessen
Priestern und Propheten.

Caveat! Dawkins umschreibt sehr genau, welche Art von Gottesglauben er kritisiert, nämlich genau den an einen, kurz zuvor von Huber angeprangerten, in den Bereich des “Erfahrungswissen hineingreifenden” Gott. Ausdrücklich wird nicht ein “First mover”-Konzept aufs Korn genommen, das sich auf die Deutung von eben nicht Mess-, Erleb- und Nachweisbarem bezieht. Es wird eben jenes Gottesbild kritisiert, in welchem Gott sehr wohl die Macht hat, direkt nachvollziehbare Wirkungen zu hinterlassen, z.B. Kranke zu heilen oder Unheil abzuwehren (Anm.: Welchen Zweck sollten sonst Gebete haben?).

Kämpferisch ist der Atheismus deshalb, weil er an dem historisch-gewachsenen und gesellschaftlich zementierten Zustand der vorbehaltlosen Akzeptanz von religös motivierten Handlungen (z.B. Unkündbarkeit bei einer zwar vom Arbeitgeber nicht durch Urlaub genehmigten aber dennoch durchgeführten Pilgerreise) und der kritisch-reflektierten Haltung gegenüber allem “weltlichen” (z.B. gewährt mir mein Arbeitgeber nur 5 Tage Sonderurlaub bei Krankheit der Kinder) rütteln möchte. Und das geht nun mal nicht mit Samthandschuhen. Ich frage mich z.B. was denn passieren würde, wenn ich in der selben Zeit, in der morgen früh die Kirchenglocken hier im Ort läuten, mit der gleichen Lautstärke satanistische Rockmusik laufen lassen würde.

Eine letzte Anmerkung zur Behauptung, dass Atheisten zu Priestern und Propheten eines Glaubens werden: dies ist in der Tat eine Gefahr, die dem nicht-religiösen Eiferer droht, wenn er versucht, Andersdenkende von seiner Position zu überzeugen. Doch das ist nicht die Stoßrichtung, in die u.a. auch Dawkins zielt. Es geht vielmehr darum, dem Nicht-Glauben den gleichen Stellenwert zu verschaffen und die gleiche gesellschaftliche Wertschätzung entgegenzubringen, wie dem Glauben seit Jahrhunderten auch.

Letztenendes zeugen die Argumente Hubers auch von der Grundproblematik, die sich weder von religiösen noch nicht-religösen Weltanschauungen lösen lässt: Warum existiert die Welt? Wenigstens eine Gleichberechtigung der Betrachtungsweisen wäre zu wünschen.

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